Eine Einladung, über die wir uns riesig gefreut haben
Normalerweise sind wir diejenigen, die bei den Kirchen anklopfen, Fragen stellen und auf Tierleid aufmerksam machen. Diesmal war es anders: Pfarrer Burkhard Bornemann hatte uns eingeladen, unsere Initiative „Will Kirche Tierschutz?“ vorzustellen. Am 13. Oktober waren wir im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Das Interreligiöse Gespräch“ zu Gast, um von unserer Arbeit zu erzählen und vor allem mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die die Kirche von innen kennen.
Wunderbar!

Bei unserer anschließenden Recherche stießen wir auf Berichte über die außergewöhnlich offene und vielfältige Zwölf-Apostel-Gemeinde. Unsere Vorfreude auf den Abend wuchs.
Da am Vortag auch unser Aktions- und Dialogcamp vor der Gedächtniskirche gestartet war, ging es für unseren Mitstreiter Nico direkt von dort zum Vortrag. Im Gepäck: Laptop, Präsentation, Flyer, einige unserer Aktionsschilder und ein kleines Schweinchen mit schwarzem Kopf, das als moralische Unterstützung neben dem Laptop Platz nehmen durfte.
Nach und nach füllte sich der Raum. Am Ende waren es rund 25 Interessierte – wenn man das Schweinchen mitzählt und ein wenig aufrundet.

Von Obstsalat und Zölibat bis zu den Augen der Tiere
Nach der Begrüßung durch Pfarrer Bornemann gab es zunächst einen kleinen Vorgeschmack auf unsere Kommunikation. Eines unserer frühen Social-Media-Motive lautete:

Obstsalat statt Zölibat – wenn Glauben Taten braucht!
Wobei sich das eine natürlich auch wunderbar tun lässt, ohne das andere zu lassen. Der entscheidende Teil steht ohnehin hinter dem Gedankenstrich: Wenn Glauben Taten braucht, dann sollte sich das auch im Umgang mit den Tieren zeigen.
Nach einer kurzen Vorstellung unserer Initiative und ihrer Ziele folgte ein Gedanke des US-amerikanischen Theologen Eric Daryl Meyer, der uns besonders berührt hat:
»Wir können uns nicht sicher sein, dass Gott uns nicht auch durch die Augen der Tiere betrachtet.«
Frei nach Eric Daryl Meyer, Inner Animalities (2018)
Was wäre, wenn Gott uns tatsächlich durch die Augen von Schweinen in engen Ställen, Legehennen oder angeketteten Rindern betrachten würde?
Eine beklemmende Vorstellung. Gerade für eine Kirche, die Mitgefühl, Barmherzigkeit und den Schutz der Schwachen zu ihren zentralen Werten zählt.
Was die Kirche selbst verändern kann
Anschließend ging es um die enormen Möglichkeiten der Kirchen, Tierleid ganz konkret zu reduzieren. Allein Caritas und Diakonie geben nach unserer Modellrechnung täglich mindestens 2,7 Millionen Mahlzeiten aus – mehr als McDonald’s, Burger King und KFC in Deutschland zusammen.
Die Kirchen verfügen mit ihren zahlreichen Einrichtungen über eine enorme Marktmacht. Wenn sie verbindliche Tierschutzstandards für ihren Einkauf festlegen, können sie nicht nur Tierleid unmittelbar vermindern, sondern auch konkrete gesellschaftliche Veränderungen anstoßen.
Dabei gibt es durchaus kirchliche Vorbilder: Mehrere evangelische und katholische Jugendorganisationen haben bereits verbindliche Regelungen für eine überwiegend vegetarische oder vegane Verpflegung eingeführt.
Wie groß der Handlungsbedarf andernorts bleibt, zeigt ein Beispiel aus Bayern: Dort gibt es noch rund 7.000 Betriebe, wo Rinder in ganzjähriger (meist lebenslanger) Anbindehaltung leben müssen.
Natürlich können weder die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern noch die katholischen Bistümer in Bayern diese Haltungsform einfach gesetzlich verbieten. Aber sie können für ihre eigenen Einrichtungen verbindlich festlegen, dass keine Milchprodukte aus ganzjähriger Anbindehaltung mehr eingekauft werden.
Und angesichts der zahlreichen kirchlichen Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wäre das alles andere als eine symbolische Entscheidung.
Die Kirchen können keine Gesetze ändern. Aber sie können mit ihrer Marktmacht dazu beitragen, dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen verändern – und damit auch die Lebensbedingungen der Tiere.

Social-Media-Motive regen zum Nachdenken an
Neben unseren Recherchen und Aktionen zeigten wir auch, wie wir mit unseren Social-Media-Motiven versuchen, Menschen zum Nachdenken zu bringen. Mal humorvoll, mal nachdenklich und manchmal auch ziemlich provokativ. Zum Beispiel mit einem Weihnachtsmotiv und der Frage:
„Warum lieben wir ein Baby und essen das andere?“
Das Motiv mit den drei Krippen hatte in den sozialen Medien intensive Diskussionen ausgelöst. Manche verstanden es als Frage nach Mitgefühl und Schutzbedürftigkeit, andere empfanden die Darstellung als respektlos gegenüber religiösen Symbolen. Gerade solche unterschiedlichen Wahrnehmungen machen den direkten Austausch so interessant.

Die spannendsten Fragen kamen danach
Auf den Vortrag folgte eine ausführliche Fragerunde. Besonders gefreut hat uns die Frage eines Teilnehmers, der wissen wollte, wie er selbst innerhalb der Kirche etwas bewegen könnte. Was wären die ersten Schritte?
Unsere Antwort: Ein paar Verbündete suchen, gemeinsam überlegen, was sich vor Ort verändern lässt – und gerne Kontakt zu uns aufnehmen! Wir kennen zahlreiche Beispiele kirchlicher Einrichtungen, Gemeinden und Jugendorganisationen, die beim Tierschutz bereits interessante und beispielhafte Wege gehen.
Auch für unsere manchmal recht provokative Kommunikation gab es Zuspruch. Sinngemäß lautete eine Rückmeldung: Macht ruhig weiter so und bleibt ruhig ein bisschen unbequem!
Gemeinsam neue Wege durch den kirchlichen Fuchsbau finden
Eine Sache haben wir an diesem Abend immer wieder betont: Kontakte zu Menschen, die innerhalb der Kirchen aktiv sind, sind für unsere Arbeit unglaublich wertvoll.
Die kirchliche Landschaft ähnelt für uns nämlich einem riesigen Fuchsbau. Mehr als 20.000 Gemeinden, 20 evangelische Landeskirchen, 27 katholische Bistümer und unzählige Einrichtungen mit ganz unterschiedlichen Zuständigkeiten.
Überall Gänge, Abzweigungen und Eingänge. Wer darf was entscheiden? Was kann eine Gemeinde selbst festlegen? Wo braucht es Beschlüsse auf höherer Ebene? Und wer hat andernorts vielleicht schon längst umgesetzt, worum wir gerade noch kämpfen?
Menschen, die innerhalb der Kirche aktiv sind, sind oft schon gut mit Gängen vertraut, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass es sie gibt.
Und umgekehrt können wir unsere Recherchen, Erfahrungen und Kontakte einbringen.
Wir sind nicht gegen die Kirche. Wir sind gegen das Tierleid.
Zum Abschluss luden wir alle herzlich zu unserem Aktions- und Dialogcamp an der Gedächtniskirche ein. Und tatsächlich schaute Pfarrer Bornemann bereits am nächsten Tag persönlich vorbei, um sich unser Camp anzusehen. Darüber haben wir uns natürlich sehr gefreut!
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Pfarrer Burkhard Bornemann für die Einladung und bei allen Teilnehmenden für den offenen, interessierten und wohlwollenden Austausch.
Solche Begegnungen zeigen uns, wie viel Potenzial darin steckt, wenn Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen ihre Erfahrungen zusammenbringen und gemeinsam nach Wegen suchen, Tierleid zu reduzieren.
An alle anderen Kirchengemeinden: Ladet uns gerne ebenfalls ein! Wir bringen spannende Recherchen, unbequeme Fragen und jede Menge Neugier auf eure Erfahrungen und Ideen mit.
Und weil wir einen versöhnlichen Gedanken zum Schluss haben wollten, endete unser Vortrag mit einer kleinen Ergänzung zu einem ziemlich bekannten Gebot:


