Ein paar Schweinchen sitzen gemütlich auf Strohballen und schauen ziemlich vergnügt in die Welt. Mitten auf dem Breitscheidplatz, direkt vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Vor allem Kinder sind begeistert, wollen die Schweinchen streicheln und ihnen am liebsten gleich etwas zu essen geben.
Doch wer den Blick ein wenig schweifen lässt, entdeckt schnell: Hier geht es um mehr als niedliche Schweine.
Denn auf der anderen Seite der Szene steht eine Schweinefigur in einem originalen Kastenstand. Ein überlebensgroßer Jesus hält ein Schild mit der Aufschrift »Massentierhaltung raus aus der Kirche!« Und auf einem riesigen Banner prangt die Frage: »Kirche, wofür stehst du?«
Willkommen bei unserem Aktions- und Dialogcamp vor der Gedächtniskirche!
Seit dem 12. Oktober sind wir hier. Tag und Nacht. Rund um die Uhr. Und nach sieben Tagen ziehen wir eine erste Bilanz: Kalte Tage, noch kältere Nächte, aber heiße Diskussionen und jede Menge Interesse!
Die Schweinchen haben eindeutig die Nase vorn
Der Breitscheidplatz ist ein Ort, an dem Menschen normalerweise ziemlich zielstrebig unterwegs sind. Einkaufen, Sightseeing, zur U-Bahn, schnell noch irgendwo einen Kaffee holen.
Doch unsere Schweinchen bringen erstaunlich viele Menschen zum Stehenbleiben. Vor allem Kinder. Sie entdecken die Tiere oft als Erste und fragen ihre Eltern, was es damit auf sich hat. Und plötzlich stehen Erwachsene, die sich eigentlich gar nicht mit Massentierhaltung beschäftigen wollten, mitten in einem Gespräch über Tierschutz und Kirche.
»Wo gibt es denn Massentierhaltung in der Kirche?« – »Das habe ich ja noch gar nicht gewusst!« – »Das ist ja unglaublich. Das werde ich in meine Gemeinde tragen.«
Solche Reaktionen hören wir immer wieder. Viele Menschen sind überrascht, wie eng die Kirchen über ihre Einrichtungen, Großküchen und Lebensmittelbeschaffung mit der konventionellen Tierhaltung verbunden sind.
Dass in kirchlichen Krankenhäusern, Kitas, Pflegeeinrichtungen und anderen Einrichtungen täglich riesige Mengen an Lebensmitteln benötigt werden, ist bekannt. Wie viel Tierleid durch die entsprechenden Einkaufsentscheidungen mitfinanziert wird, dagegen kaum.
Besonders interessant sind für uns die Gespräche mit Menschen, die selbst in kirchlichen Einrichtungen arbeiten. Einige bestätigen uns, dass auch dort häufig Produkte aus problematischen Tierhaltungsbedingungen auf den Tellern landen. Als Begründung werden oft die Kosten genannt. Viele bedauern diese Situation und wünschen sich eine Veränderung – für die Tiere, aber auch für die Menschen, die dort essen.
Gerade dort, wo Kinder, ältere oder kranke Menschen versorgt werden, sollte eine verantwortungsvolle und gesundheitsförderliche Ernährung schließlich selbstverständlich sein.
Und es gibt noch eine erfreuliche Beobachtung: Viele Menschen wollen nicht nur zuhören, sondern selbst etwas verändern. Sie möchten unsere Informationen in ihre Gemeinden tragen, Verantwortliche ansprechen oder sich selbst für bessere Standards einsetzen.
Natürlich gibt es auch Menschen, die mit beeindruckender Entschlossenheit an unserem Camp vorbeimarschieren, ohne auch nur einen Blick zur Seite zu werfen. Ob sie es besonders eilig haben oder lieber nicht über ihren eigenen Fleischkonsum nachdenken möchten? Wir wissen es nicht.
Aber wer stehen bleibt, kommt oft ins Nachdenken.
Wenn Kirche und Tierschutz ins Gespräch kommen
Besuch von Generalsuperintendentin Frau Dr. Helmke von der EKBO
Dass wir von höchster Stelle Besuch in unserem Aktions- und Dialogcamp erhalten, hatten wir erhofft, aber nicht wirklich erwartet. Umso mehr hat uns der Besuch von Generalsuperintendentin Frau Dr. Helmke von der EKBO gefreut. Und es war mehr als ein Höflichkeitsbesuch. »Frau Dr. Helmke wäre gerne unserer Einladung gefolgt, einen Redebeitrag zu halten, kann dies jedoch urlaubsbedingt nicht einrichten. Deshalb werden wir ihr Grußwort auf der Veranstaltung verlesen. Vorab lässt sich sagen, dass Frau Dr. Helmke sich offen für unsere Forderungen gezeigt hat«, so Carsten Halmanseder, ebenfalls von Will-Kirche-Tierschutz.de.
Einladung zum Interreligiösen Gespräch in der Zwölf-Apostel-Gemeinde
Wie bereits berichtet, hatten wir eine Einladung von Pfarrer Bornemann von der Zwölf-Apostel-Gemeinde bekommen, der wir gerne gefolgt sind. Das Interesse an dem Interreligiösen Gespräch, das diesmal unter unserem Motto »Will Kirche Tierschutz?« stand, war groß, die Diskussion offen und lebendig. Besonders gefreut haben wir uns über die ganz konkrete Frage eines Teilnehmers: »Was kann ich selbst eigentlich tun?«
Auch für unsere manchmal recht provokante Kommunikation gab es Zuspruch. Eine Rückmeldung lautete sinngemäß: Macht ruhig weiter so und bleibt ruhig ein bisschen unbequem!
Im Gegenzug luden wir die Teilnehmer*innen der Veranstaltung in unser Camp ein. Pfarrer Bornemann stattete uns gleich am nächsten Tag einen Besuch ab.
Kritik von Vertreter*innen der Gedächtniskirche
Seitens der Gedächtniskirche gab es allerdings einige Kritik an unserer Aktionsform. Man sah sich als Gemeinde als Ziel unserer Aktion. Diese Kritik können wir in der Wahrnehmung durchaus nachvollziehen. Wir hoffen jedoch auf baldige konstruktive Gespräche.
Erste Presseberichte in kirchlichen Medien
Unser Aktions- und Dialogcamp stößt auch in der kirchlichen Presse auf Resonanz. So wurde unsere Pressemitteilung in der größten evangelischen Zeitung evangelisch.de sowie in der Berliner Evangelischen Wochenzeitung die Kirche.de aufgegriffen. Die Berichte sind erfreulich neutral gehalten.
Begegnungen, die zeigen: Unsere Botschaft findet auch innerhalb der Kirche Gehör.
Wir wollen Antworten! Und die ersten kommen bereits
Bei aller Freude über das große Interesse: Nur Aufmerksamkeit zu erzeugen, reicht uns nicht.
Unsere Initiative heißt schließlich nicht ohne Grund »Will Kirche Tierschutz?« Und unser Motto lautet: »Wir wollen Antworten!«
Ganz konkret richten wir uns mit unserem Aktions- und Dialogcamp an die 47 evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümer in Deutschland.
Unsere Frage ist eigentlich ziemlich einfach: Sind die Bischöfe und Bischöfinnen bereit, bei ihren eigenen Synoden bzw. zentralen Gremien-Versammlungen mit gutem Beispiel voranzugehen?
Wir fordern, dass Tierprodukte künftig ausschließlich aus den Haltungsformen 4 und 5 bezogen werden und immer eine vegane Option bereitsteht. Oder, noch besser, gleich überwiegend vegetarisch und vegan gekocht wird.
Unser Ziel ist es, dies für die Synoden bzw. zentralen Gremien-Versammlungen bis Ende 2027 zu erreichen!
Denn wenn kirchliche Entscheidungsträger*innen über Nächstenliebe, Mitgefühl und die Bewahrung der Schöpfung sprechen, während auf ihren eigenen Veranstaltungen Fleisch aus schlimmsten Haltungsbedingungen serviert wird, passt etwas nicht zusammen.
Die gute Nachricht: Uns haben bereits erste Rückmeldungen erreicht.
Noch geht es dabei nicht überall um fertig beschlossene Veränderungen. Aber schon die Bereitschaft, höhere Tierschutzstandards anzustreben und entsprechende Schritte auf den Weg zu bringen, ist ein wichtiges Signal.
Warum wir ausgerechnet bei den Synoden ansetzen? Weil Veränderungen irgendwo beginnen müssen. Und wo wäre ein besserer Anfang als bei den Menschen, die in den Kirchen Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen?
Wenn Bischöf*innen, Synodale und Kirchenleitungen bei ihren eigenen Veranstaltungen zeigen, dass eine tierfreundlichere Verpflegung möglich ist, wird es auch für Gemeinden, Verwaltungen, Kitas, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen leichter, diesem Beispiel zu folgen.
Wer von anderen Veränderungen erwartet, sollte schließlich bei sich selbst anfangen.
Wir sind nicht gegen die Kirche. Wir sind gegen das Tierleid.
Diesen Satz sagen wir bei unseren Gesprächen immer wieder. Und er ist uns wichtig.
Denn innerhalb der Kirchen gibt es viele Menschen, die sich bereits heute ernsthaft für Tierschutz einsetzen. Menschen, die Projekte voranbringen, in ihren Gemeinden etwas verändern oder versuchen, festgefahrene Strukturen in Bewegung zu bringen.
Gerade der Austausch mit ihnen ist für uns besonders wertvoll.
Wir merken: Mit unserem Anliegen stehen wir keineswegs allein da. Auch innerhalb der Kirchen wächst der Wunsch nach Veränderung.
Manchmal erinnert uns die Kirche als Gesamtinstitution allerdings an einen riesigen Ozeandampfer. An Bord gibt es längst Menschen, die den Kurs ändern wollen. Manche arbeiten sogar mit Hochdruck daran. Aber bis sich das ganze Schiff tatsächlich bewegt, dauert es offenbar.
Und währenddessen geht die Massentierhaltung weiter.
Deshalb stehen wir hier. Nicht, um Menschen vor den Kopf zu stoßen, sondern um Bewegung in eine Sache zu bringen, bei der sich noch viel zu wenig bewegt.
Unterstützung aus der Berliner Tierschutz- und Tierrechtsszene
Besonders beeindruckt sind wir von der Unterstützung aus der Berliner Tierschutz- und Tierrechtsszene. Viele Menschen kommen vorbei, helfen mit, suchen das Gespräch oder stärken uns einfach den Rücken. Auch Vertreter*innen der Tierschutzpartei und von Greenpeace waren bereits zu Besuch.
Eine Woche ist geschafft. Jetzt wollen wir noch mehr Antworten!
Unsere Zwischenbilanz nach sieben Tagen fällt jedenfalls ausgesprochen positiv aus.
Wir haben unzählige Gespräche geführt, viele interessierte und engagierte Menschen kennengelernt, Unterstützung erfahren und erste Rückmeldungen aus den Kirchen erhalten.
Vor allem aber hat sich unser Eindruck bestätigt: Das Thema Tierschutz bewegt auch innerhalb der Kirchen viele Menschen. Was vielerorts noch fehlt, sind verbindliche Entscheidungen und der Wille, gute Absichten tatsächlich in die Praxis umzusetzen.
Die ersten Signale machen uns Hoffnung. Jetzt kommt es darauf an, dass ihnen konkrete Schritte folgen.
Wir bleiben deshalb noch eine Woche vor der Gedächtniskirche. Mit unseren Schweinchen, unserem Jesus, unseren Bannern und vermutlich weiterhin ziemlich kalten Füßen.
Zum Abschluss: Eine Menschenkette als kraftvolles Signal
Am Samstag, dem 24. Oktober, von 12 bis 14 Uhr laden wir zur großen Menschenkette um die Gedächtniskirche ein. Gemeinsam wollen wir ein sichtbares Zeichen gegen Massentierhaltung in kirchlichen Einrichtungen setzen und unsere Forderungen an die Verantwortlichen unterstreichen.

Wir freuen uns über alle, die mitmachen, uns besuchen oder einfach neugierig sind, warum da eigentlich Schweine vor der Kirche sitzen.
Will Kirche Tierschutz? Wir wollen Antworten!
















