Nach 14 Tagen gehörte der markante lila Pavillon vor der Gedächtniskirche irgendwie schon zum vertrauten Bild. Nun ist der Platz wieder leer. Doch das Camp hat Spuren hinterlassen – positive Spuren – in den Köpfen, in den Herzen und im Dialog, den wir angestoßen haben. Äußerst ermutigend war der Austausch mit Generalsuperintendentin Dr. Julia Helmke, deren Grußwort wir bei unserer Menschenkette verlesen durften. Das Camp hat uns erneut bestärkt: Gemeinsam können wir viel bewegen.
Zwischen Dankbarkeit und Denkanstößen – unsere Eindrücke im Video
Hier geht es zu einem ausführlichen Rückblick auf die zweite Woche im Camp.
Die Reaktionen: zwischen Schweigen, Ablehnung und aufgeschlossenem Dialog
Der Name unserer Aktion war bewusst gewählt: Aktions- und Dialogcamp. Denn es geht uns nicht um Konfrontation, sondern um Dialog. Zur Transparenz gehört es ebenso, Missstände sichtbar zu machen wie auch Leuchtturmprojekte hervorzuheben. Vor allem aber wollen wir miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsam schauen, worin die Hindernisse bestehen, und von Vorreitern lernen, wie sich diese überwinden lassen.
Im Vorfeld unseres Camps hatten wir deshalb sowohl die Gedächtniskirche als auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und das Erzbistum Berlin zum Austausch eingeladen.
Berliner Generalsuperintendentin: offener Austausch und ein Grußwort, das Hoffnung macht
Auf große Offenheit stießen wir bei Generalsuperintendentin Dr. Julia Helmke von der EKBO.
Sie besuchte unser Camp, wo sie sich intensiv mit uns austauschte und sich sehr interessiert für Lösungswege zeigte. Dabei wurde deutlich, wie wichtig ihr das Anliegen ist – persönlich sowie auch als christlicher Auftrag.
Gerne hätte sie sich auch mit einem Redebeitrag an unserer Menschenkette beteiligt. Da sie an diesem Tag jedoch nicht in Berlin sein konnte, übermittelte sie uns stattdessen ein Grußwort.
Grußwort von Generealsuperintendentin Dr. Julia Helmke zur Tierschutz-Menschenkette um die Gedächtniskirche
»Sehr geehrte Damen und Herren,
mitten in der Stadt, mitten an einer der prominentesten Berliner Kirchgebäude, der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, fragen Sie als unabhängige Initiative jetzt schon seit Tagen – und beharrlich auch in den Nächten: Will Kirche Tierschutz? Als Berliner Generalsuperintendentin für den Sprengel Berlin danke ich Ihnen für Ihre Initiative. Ihre Aussagen und Bilder provozieren und spitzen zu.
Es braucht Beharrlichkeit bei dem richtigen Anliegen, sich für eine Verbesserung von Tierhaltung einzusetzen.
Die evangelische Kirche hat seit Jahrhunderten ein ambivalentes Verhältnis zu den Tieren als Mitgeschöpfen, zu Tierwohl und Tierethik. Immer wieder gibt es Personen und Initiativen, die sich für vegetarische und vegane Ernährung einsetzen und dies theologisch mit der Würde begründen, die Tieren in Gottes Schöpfung gegeben worden ist, mit ihrer Leidens- und Empfindungsfähigkeit.
Der in den Wissenschaften seit Jahren beobachtete sogenannte Animal Turn, der Wechsel der Perspektive von Tieren als Objekte zu Subjekten, kommt in der Theologie (erst) langsam an. Ich setze mich selbst dafür ein, dies bekannter zu machen und z. B. kritisch auf die Unterscheidung von Haus-/Nutztieren hinzuweisen.
Der deutsche Evangelische Kirchentag setzt sich als Großveranstaltung mit bis zu 100.000 Teilnehmenden seit Jahren konsequent in Beschaffung und Verpflegung für ein überwiegend vegetarisches, veganes, Bio- und Öko-Verpflegungskonzept ein, in vielen Gemeinden ist das Bewusstsein hierfür ebenfalls gestiegen.
Vieles ist auf einem guten Weg, auch in Kantinen und kirchlichen Einrichtungen. In der EKBO gibt es ein ambitioniertes Klimaschutzgesetz, in dem der Fokus auf der Minderung der Treibhausgasemissionen liegt. Das Unrecht und die Folgeschäden von Massentierhaltung sind hier erwähnt, jedoch am Rande.
Die evangelische Kirche als Institution ist komplex und mit vielen Körperschaften öffentlichen Rechts dezentral aufgestellt. Deshalb braucht es für die Förderung von Tierwohl an vielen Stellen mutiges Voranschreiten, beständiges Nachfragen und eine Haltungsänderung im wörtlichen und übertragenen Sinne. Das Argument der höheren Kosten wiegt zumeist schwer.
Ihre Forderung an die Landes-Synode, die Haltungsstufe 4 verbindlich einzuführen – oder besser noch Haltungsstufe 5 oder noch besser der Einsatz überwiegender oder ausschließlich pflanzlicher Verköstigung, werde ich in die entsprechenden Gremien mitnehmen.
Danke für Ihr Engagement, Ihren Einsatz! Bitte nutzen Sie Ihre Stimme und gehen Sie selbst mit Ihrem Beispiel voran. Das ist auch für mich selbst Verpflichtung.«
Grußwort von Generalsuperintendentin Dr. Julia Helmke
Wir bedanken uns herzlich für diese wegweisenden Worte. Wir sind zuversichtlich, dass die Synode der EKBO 2027 bei ihrer Verpflegung ein Zeichen für mehr Tierschutz setzt. Wir freuen uns darauf, den gemeinsamen Austausch weiter aufzubauen.
Wenn die Bilder des Tierleids mehr empören als das Tierleid selbst
Nicht alle Reaktionen fielen so positiv aus. Während das Erzbistum bislang noch nicht auf unser Gesprächsangebot einging, zeigten sich einzelne Beschäftigte der Gedächtniskirche äußerst entrüstet, dass vor ihrem Gebäude Bilder von leidenden Tieren gezeigt wurden.
»Die Glaubwürdigkeit der Kirche wird nicht dadurch erschüttert, dass wir Tierleid zeigen. Sie wird dadurch erschüttert, dass die Kirche Massentierhaltung finanziert.«
Nicolas Thun – Creative Director der Initiative Will-Kirche-Tierschutz.de
Wir bleiben gesprächsbereit und freuen uns über jeden Schritt aufeinander zu.
Synoden setzen Zeichen – auch beim Tierschutz?
Unser Camp richtete sich insbesondere an die Synoden und Zentralversammlungen der 47 Bistümer und Landeskirchen. Bei diesen in der Regel zweimal jährlich stattfindenden Treffen kommen Bischöf*innen und oft Hunderte Delegierte zusammen – und werden verpflegt. Was dort auf den Tisch kommt, hat Signalwirkung.
Zugleich werden auf den Synoden weitreichende Entscheidungen getroffen, die langfristig prägen, wie Kirchen mit Tierschutz umgehen – auch bei der Verpflegung auf kirchlichen Veranstaltungen und beim Einkauf von Lebensmitteln.
Wir wollten deshalb wissen: Gelten bei Synoden und Zentralversammlungen bereits verbindliche Mindeststandards für Tierprodukte auf dem Niveau der Haltungsformen 4 und 5 oder besteht zumindest ein konkreter Zielkorridor? Und gibt es stets ein pflanzliches Verpflegungsangebot?
Wir richteten uns kurzerhand ein »Camp-Büro« ein, um auch während unserer Zeit vor Ort so direkt wie möglich mit den Bistümern und Landeskirche zu sein.
Ein Drittel der Angeschriebenen hat inzwischen geantwortet
»Wir merken, dass wir mit der Fragestellung zur Verpflegung auf Synoden hinsichtlich der Tierschutzstandards nach der Haltungsform-Kennzeichnung auf großes Interesse sowie auch auf Klärungsbedarf innerhalb der Landeskirchen und Bistümer gestoßen sind.
Unser bisheriger Austausch zeigt, dass einige Bistümer und Landeskirchen das Thema aufgeschlossen annehmen und proaktiv an der Umsetzung konkreter Regelungen arbeiten.
Um diesen positiven Entwicklungen und dem laufenden Dialog ausreichend Raum zu geben, haben wir uns entschieden, weitere Ergebnisse erst Ende des Jahres vorzustellen.«
Carsten Halmanseder – Vorsitzender der Initiative Will-Kirche-Tierschutz.de
Ein großer Dank – und der Dialog geht weiter
Das Camp ist abgebaut. Verschwunden ist der überlebensgroße Jesus mit dem Schild »Massentierhaltung raus aus der Kirche!« Verschwunden sind auch der im wahrsten Sinne des Wortes beklemmende Kastenstand und die niedlichen Kuscheltier-Schweine.
Doch was bleibt, sind neue Impulse, frische Energie, unvergessliche Momente – und vor allem tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die mit uns in den Dialog getreten sind, die bereit sind, die Kirchen an ihre Verantwortung zu erinnern oder sie bereits selbst aktiv verändern, wie z. B. Pfarrer Burkhard Bornemann. Dankbarkeit gegenüber all den Menschen, die das Camp durch ihre Unterstützung 14 Tage lang getragen haben. Und Dankbarkeit gegenüber den vielen, die mit ihrer Präsenz dafür gesorgt haben, dass unsere Menschenkette sich rund um die gesamte Gedächtniskirche erstreckte – als kraftvolles Symbol für eine Zukunft, in der Nächstenliebe auch für Tiere gilt.
Vielen Dank an die beteiligten Initiativen
Mit dabei waren auch Vertreter*innen von Greenpeace Berlin, Vier Pfoten, der Tierschutzpartei Berlin, dem Fachausschuss Tierethik des Humanistischen Verbands Deutschland, des Erdlingshofs und der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt sowie Strongman Patrik Baboumian. Auch ihnen gilt unser herzlicher Dank für ihre Unterstützung und das gemeinsame Zeichen.
Eine eindrucksvolle Menschenkette des Mitgefühls
Wir sind nicht gegen die Kirche. Wir sind gegen das Tierleid. Und gemeinsam können wir ganz viel bewegen.
Die Menschenkette in Portraits
Und da die Kette das Ergebnis ganz vieler einzelner toller Menschen ist, geht es hier zum Artikel mit den Portraits all dieser Menschen.

Massentierhaltung raus aus kirchlichen Einrichtungen – vegane Alternativen rein.
































