Bereits im Vorfeld hatten wir von Will-Kirche-Tierschutz.de auf eine sehr wichtige Frage hingewiesen: Eine wichtige Podiumsdiskussion über Menschenwürde im Schlachthof – mit einem Pfarrer und einem Metzgerei-Geschäftsführer. Aber wer spricht für die Tiere?

Genau darum ging es uns. Nicht darum, das Leid der Menschen in Schlachthöfen kleinzureden. Im Gegenteil. Wer in Schlachthöfen arbeitet, ist oft selbst Betroffener eines brutalen Systems: körperlich belastend, psychisch zerstörend, sozial verdrängt, ökonomisch ausbeuterisch. Darüber zu sprechen, ist wichtig. Sehr wichtig sogar.
Aber ein Schlachthof ist eben kein beliebiger Arbeitsplatz. Dort werden keine Holzblöcke verarbeitet. Keine Autoreifen hergestellt. Keine Pakete sortiert. Dort werden empfindungsfähige Tiere getötet. Tiere, die Angst haben, sich wehren, fliehen wollen, Panik erleben, häufig nicht korrekt betäubt sind und am Ende sterben.
Deshalb war unsere Frage vor der Veranstaltung so schlicht wie zentral: Kann man über Menschenwürde im Schlachthof sprechen, ohne über die Tiere zu sprechen? Nach diesem Abend würden wir sagen: Man kann es versuchen. Aber es funktioniert nicht wirklich.
Erst klang es vielversprechend. Zu Beginn der Veranstaltung wurde betont, dass es um die Würde der Menschen gehe, aber natürlich auch die Perspektive der Tiere immer wieder mit hineingenommen werde.
Das klang zunächst gut. Vielleicht sogar klug. Denn vielleicht erreicht man über die menschliche Perspektive Menschen, die beim Thema Tierleid sonst innerlich sofort abschalten. Vielleicht kann der Blick auf die Beschäftigten eine Tür öffnen. Vielleicht kann daraus ein Gespräch entstehen, das am Ende verständnisstiftender ist als eine reine Konfrontation.
Genau darauf hatten wir gehofft. Doch dann passierte über weite Strecken etwas anderes. Es ging sehr viel um Menschen. Um Arbeitsbedingungen. Um Ausbeutung. Um Verletzungen. Um Strukturen. Um den Alltag der Beschäftigten. Alles wichtige Punkte. Aber die Tiere, die Hauptbetroffenen dieses Systems, blieben in der eigentlichen Diskussion erstaunlich blass. Sie waren irgendwie da. Aber nicht wirklich im Raum.
Dann kam die Fragerunde – und plötzlich wurde es lebendig
Gleich eine der ersten Fragen aus dem Online-Chat zielte auf den entscheidenden Punkt: Ist das Leid der Menschen im Schlachthof nicht gerade deshalb so besonders, weil sie täglich mit dem Leid, der Angst und der Panik der Tiere konfrontiert sind? Da war auf dem Podium kurz spürbar: Ja, natürlich. Das gehört zusammen.
Kurz darauf meldete sich eine Person im Saal und sprach noch deutlicher über die Realität der Tiere in Schlachthöfen. Später berichtete auch eine Tierärztin sehr eindrücklich aus ihrer Erfahrung. In diesen Momenten wurde der Abend plötzlich intensiver, ehrlicher, unbequemer – und aus unserer Sicht auch viel gehaltvoller.
Genau da hätte die Diskussion groß werden können. Nicht glatt. Nicht angenehm. Nicht perfekt kontrollierbar. Aber wirklich interessant. Denn plötzlich ging es nicht mehr nur um die Frage: »Was macht diese Arbeit mit Menschen?« Sondern auch um die Frage: Was ist das eigentlich für eine Arbeit, wenn ihr Kern darin besteht, Tiere zu töten?
Der Chat wollte diskutieren. Die Veranstalterinnen eher nicht
Für die Menschen vor Ort war es vergleichsweise einfach: aufstehen, Mikro nehmen, Frage stellen. Online lief es anders. Dort mussten die Fragen in den Chat geschrieben werden. Ob sie vorgelesen wurden, entschied die Moderation beziehungsweise die Person, die den Chat sichtete. Und genau hier wurde es schwierig.
Im Chat kamen viele kluge, relevante und notwendige Beiträge. Es ging um Tierleid, um Fehlbetäubungen, um Kirchen und Fleischreduktion, um die Frage, ob »regional, fair und bewusst« am Ende nicht bedeuten müsste, viel weniger Tiere zu züchten und zu töten. Es ging um die Tiere als Mittelpunkt dieses Systems.
Nur wurde davon erstaunlich wenig in die Podiumsdiskussion getragen. Stattdessen entstand der Eindruck, dass zentrale Fragen aus dem Chat bewusst ausgeklammert wurden. Online bildete sich eine regelrechte Warteschlange aus kritischen Stimmen – zum Umgang der Menschen mit den Tieren selbst. Nicht das Publikum wollte die Tierperspektive ausklammern – sondern die Moderation.
Die Reaktion der Veranstalterinnen ließ jedoch sinngemäß erkennen: Eine »Tierrechtsdiskussion« sei heute nicht gewollt. Somit wurden konsequent fast alle Fragen aus dem Chat abgeblockt, die für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema unverzichtbar gewesen wären.
Und genau da liegt für uns der Knackpunkt. Wenn bei einer Veranstaltung über das System Schlachthof Fragen zu Tieren gestellt werden, ist das keine Themenverfehlung. Es ist fast unvermeidlich. Vielleicht sogar ein Zeichen dafür, dass das Publikum sehr genau verstanden hat, wo die Leerstelle liegt. Das Leid der Menschen und das Leid der Tiere gehören zusammen.
Wer das Leid der Menschen im Schlachthof verstehen will, muss auch das Leid der Tiere verstehen. Nicht, weil beides dasselbe wäre. Das ist es nicht. Die Tiere verlieren ihr Leben. Sie können nicht kündigen, nicht widersprechen, nicht gehen. Sie sind die Hauptbetroffenen dieses Systems. Aber das Leid der Menschen entsteht nicht irgendwo neben dem Leid der Tiere. Es entsteht mitten darin und genau deshalb.
Im Schlachthof gibt es ein Gegenüber. Ein »Du«, kein Ding. Ein fühlendes Wesen, das nicht sterben will. Und wenn Menschen Tag für Tag Teil eines Systems sein müssen, das dieses Gegenüber zum Produkt macht, wenn sie beim Töten der Tiere permanent ihr eigenes Mitgefühl abtöten müssen, dann prägt das auch sie.
Das System der Fleischproduktion hat keine wirklichen Gewinner. Es beutet Tiere aus. Es beutet Menschen aus. Es belastet Umwelt und Klima. Und am Ende wird aus all dem ein Produkt gemacht, das möglichst normal aussehen soll. Sauber und bunt verpackt. Kühl gelagert. Mit Etikett, das nur allzu oft wunderschöne Bilderbuch-Landschaften suggeriert, die von der Wirklichkeit nicht weiter entfernt sein könnten.
Warum es am Ende nicht rund wirkte
Der Abend hinterließ bei vielen Online-Teilnehmer*innen einen schalen Beigeschmack. Nicht, weil das Thema Menschenwürde fehl am Platz gewesen wäre. Sondern weil etwas Wesentliches ausgesperrt wurde, das notwendig dazugehört hätte.
Besonders merkwürdig wurde es gegen Ende, als viele kritische Fragen im Chat offen geblieben waren, aber der Metzgerei-Geschäftsführer noch einmal darstellen durfte, was sein Betrieb alles für Tierschutz und Tierrechte tue.
Das darf man natürlich fragen. Das darf er natürlich beantworten. Aber nach einer Fragerunde, in der viele unbequeme Beiträge zur Tierperspektive nicht aufgegriffen wurden, fühlte sich das nicht wie Ausgewogenheit an. Eher wie ein Versuch, die Diskussion wieder einzufangen. Dabei war sie gerade dort interessant geworden, wo sie sich versucht hatte zu befreien.
Auch in der mittlerweile von der Katholischen Akademie Freiburg veröffentlichten Nachbetrachtung zur Podiumsdiskussion »System Schlachthof« setzt sich dieser Eindruck fort: Nicht einmal das Wort »Tier« ist darin enthalten. Dass sich diese Ausblendung selbst in der Nachbetrachtung fortsetzt, ist bezeichnend. Eine Diskussion über Menschenwürde im Schlachthof, in der die Tiere nicht vorkommen, ist wie eine Diskussion über Waldbrände, in der die Bäume nicht vorkommen. Man kann den Blick bewusst auf einen Teil des Geschehens richten – aber irgendwann lässt sich das, was im Zentrum steht, nicht mehr sinnvoll ausblenden.
Was lernen wir daraus?
Wir möchten ausdrücklich sagen: Die Katholische Akademie Freiburg hat mit ihrer Reihe »Es geht um die Wurst« bereits wichtige Räume geöffnet. Auch die Beschäftigten in Schlachthöfen verdienen Aufmerksamkeit, Schutz und Solidarität. Dass dieser Abend stattgefunden hat, war nicht falsch.
Aber seine Konstruktion war schief. Eine Podiumsdiskussion über Schlachthöfe ohne Stimme aus Tierethik, Tierschutz oder Tierrechten bleibt unvollständig. Selbst dann, wenn der Schwerpunkt bewusst auf den Menschen liegen soll. Gerade dann müsste man die Verbindung herstellen. Denn die entscheidende Frage lautet nicht: Menschen oder Tiere?
Die entscheidende Frage lautet: Was ist das für ein System, das Menschen in solche Arbeit bringt und Tiere massenhaft in den Tod?
Wir hoffen, dass die Katholische Akademie diesen Abend kritisch und offen auswertet. Nicht defensiv, sondern neugierig. Warum wollten so viele Menschen über die Tiere sprechen? Welche Fragen blieben offen? Warum wurden diese Perspektiven nicht mitgedacht? Und wie könnte ein nächster Abend aussehen, der die Würde der Menschen und das Leid der Tiere wirklich zusammendenkt?
Wir würden uns wünschen, dass aus dieser merkwürdigen Erfahrung etwas Gutes entsteht. Denn vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis des Abends: Niemand musste die Tierperspektive erst auf die Tagesordnung setzen. Das Publikum tat es längst. Es hatte verstanden, dass isolierte Perspektiven dem System Schlachthof nicht gerecht werden. Wer den zentralen Bestandteil dieses Systems – die Tötung von täglich rund zwei Millionen Tieren allein in Deutschland – aus der Diskussion ausklammert, wird am Ende weder den Menschen noch den Tieren wirklich gerecht.
